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TAO TE KING

von

Lao Tse

 

 

DAS HEILENDE GEHEIMNIS

 

Ein in den Wehen der Zeit wiedergeboren Menschheitsbuch zur großen Heimkehr, GENESUNG, unserer Welt.

 

Mich uralt Buch durchspringt ein Bach voll urjung hellen Lebens.

Ein Heilquell Dir, betrübte Welt!

Aus Urerinnerungen, durch Erdesterns Urgeschichte gedrungen,

tauchte es vor Jahrtausenden in Asien auf

und sprang und sprach weltinnig heiter aus Laotse, dem großen Lauscher.-

 

Weitergesprengt durch Lust und Qual der Zeiten unseres Menschengeschehens,

durch den Notberg des Jetzt gedrängt, in lechzende Menschenseelen hineingetrunken,

wieder schöpferisch frisch entsprungen, spricht jetzo er hier, Heilsdurstiger, Dir!

 

Gehst Du nur hier gehorsam ein,

so grundgehörig, samenklein,

so wirst Du auch gehörig

urgrundwohl gedeihn.

 

HÖR AUF! ES IST ALLES EINS

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1.

Hörst Du?

 

Hör auf mit dem Krampfen und Krallen, lasse Dich ruhn.-

Lass Dich getrost mit den treulich Allen,

wie der Tau zu dem Grunde fallen,

daraus uns erwaltet urheiliges  Tun.

Wallfall mit TAO ins Leben!

 

- - -

 

Du stehst, Du staunst des unverstandnen Worts?

O, will nicht verstehn! Geh, geh vorüber, laß gehen, laß geschehn

und TAO wird dich erheben, wie es mich erhebt,

das heimlich heilig in uns Allen lebt.

 

Atme Es aus und ein, atmend ahnst Du sein Leben.

Sog, sing oder jauchz Es, aber will es nicht nennen -,

nimm nicht durch Namen Dir, Mir,

was Es an Gaben birgt und bringt.

 

Unnennlich ist das unendlich Eine, und nennlich ist nur der vergänglich Teil ---.

Ehre sein Dunkel und sieh, sein Stern wird Dir blinken - aber –

ziehst Du´s ans Licht, mußt Du in Trübheit versinken.

Hüt das Geheimnis, so wird das Geheimnis Dich hüten,

aber willst Du es sehen, muß es Dein Leben zerwüten.

Oh Du, traue getrost  - und wonnig wirket sein Weben.

 

HÖRE AUF!

Und innig beginnt sein helfend heilendes Leben.

 

 

 

2.

 

Du!

Unser närrisch Verstehn, unser gierig Sehenwollen, das schied uns von TAO,

verstellte uns die Welt in Bös und Gut, Groß und Klein, Mein und Dein.

Wissen schied uns vom Wesen – entrückte aus heiterer Mitte uns in grausigen Zwist – verrückte aus freundlicher Stille uns in häßlichen Stolz.

Wir sind geschieden, wir sind gescheit – einig macht uns Bescheidenheit.

Darum bescheidet in Einfalt der Weise sich – will nichts erzwingen,

so zwingt ihn kein Zweck,

innig lebendig, über allen Zwiespalt hinweg,

lebt er in heiliger Dreifalt drein, im Wieder-Vonselbersein.

Selig von Selber leuchtet das Licht ihm auf,

fröhlich von selber lachts in die Welt:

 

ES IST JA LLES EINS – ALSO IST ALLES MEINS!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3.

 

Freund, wenn Du Kenntnis verstehst,

daß Du nicht kluge Lügen züchtest – Feindschaft in Dir!

Und wenn Du Schätze häufst, daß Du Diebstahl nicht zeugst,

der Schatz Dir entzieht den Freund, auch in Dir.

Du, wo das Wissen sitzt, kann Weisheit nicht wandeln,

und wo der Geiz hockt, kann der Geist nicht gedeihn.

 

Drum laß fahren die Besitzung. Laß werden, laß sein!

Siehe in Armut und Einfalt lebt heiter der Weise,

und von dem Frohen freilich ziehet man gerne Lehr,

daut sie in Mark und Bein, lösend die Wissenspein.

Liebend erkennend erfrischt er die Herzen seiner Gemeinde –

lebend beschämt er die kenntnisstolz habprotzigen Knöpfe.

 

4.

 

Stille wirkt TAO,

ermüdlich nicht, noch erschöpflich,

unergründlich quillt sein lebender Grund, der traulich Dunkle.

Im Chaos webt TAO drin, herzhaftiger Kern –

schlichtet und richtet, bindet-entbindet,

wirket aus Wirrnis funkelnden Stern.

Wir fassens nit, wir könnens nit ergründen,

so laßt uns innig nur ins Nächste münden, ins Dunkle traun. –

So mundet auch uns und heilet hell

sein still dem Urdunkel entquillender Quell.

 

5.

 

Himmel und Erde lieben den Menschen nicht besonders –

lieben den Heuschreck auch nicht besonders.

Großes Lieben klebt nicht an Einzelnem,

inniglich fließt es, genießend allnahes Leben.

Großes Lieben hängt nicht an Gestalt, doch in Gestalten findet es Seligkeit.

Gern haben -  nennt es nicht lieben!

 

Der Liebende, gleicht er nicht einem Dudelsack?

Vom ewigen Hauch geblähet, bläst in die Welt er sein flüchtiges Lied –

flöten geht er, so wird er lebendig erfüllet,

daß aus ihm quellet und trillert lebendiger Geist –

Dem Allnahen ergeben, so kann er frisches Leben eratmen -

wie er sich ausgibt, nimmt der Liebende ein.

So, ja so wird gern ihm wieder gegeben –

so muß gewinnend, so muß einnehmend er sein.

 

6.

 

Fortwährend webet und lebet der heilige Fleiß –

sickert und zirkt und wirkt leisfließend durchs All –

all die verborgenen Würzelein tränkend gleich einer Mutter -

immerda, immernah ihr Kindlein zu nähren.

O alles wiegende Ewigkeit, Mütterlichkeit, TAO

 

7.

 

Ich nicht, Du nicht, - WIR leben, o Freund,

wir alle nur wirken die Wirklichkeit!

Wer könnte sterben, da doch kein einzelner lebt?

 

Schau den Lebendigen:

Sich innig verwendend, starrt ihm kein Ende, stört ihn kein Tod.

Aufgehend im Eben, läßt auf ihn das Leben blühn,

weil er ihm traut, ist es ihm grün.

 

„Dein bin ich, Du bist mein“

Raunt es durch Wald und Hain.

„Ich auch, ich auch, ich auch,

jauchzt es von Baum und Strauch“

 

Horch auch in Dir!

 

 

8.

 

Leben in TAO…

dem Wasser gleich wellt es und fällts in verachtete Tiefen –

tauet herab, begrüßend die Menschen und alle die Wesen,

daß sie sich laben und leben, grünen und blühn.

Dennoch achtens die Menschen gering – warum?

 

Weils immer zu dienen beflissen.

 

Allso der Große – ihn schmähen die Hohen,

er aber trauet und traufet hinunter, hinunter,

Eintracht zu binden, grundtreu trauliche Lust zu entbinden.

Oh traurige Höh, wo das Höhnen thront, wo Es nicht wohnt.

Was ist ein Wort, noch so klug, ohn das Tiefe, die Redlichkeit?

Was ist ein Geschenk, ohne Es, ohne Lieb?

O Du verachtetes, dennoch das Köstlichste Du –

mit Dir fallen und wallen wir Alle – heim!

 

9.

 

Schiele nit nach vollen Trögen, neidvernarrtes Menschelein

hier wo Leid und Freude wogen, wags vergnügt zu sein!

Hier ist Hülle und Fülle -  was willst Du haben?

Verwende, verwandle! Fluß ist Genuß – Hab ist Verdruß.

 

Siehe den Schöpfer,

beglücket im Schaffen, gleichet er nicht an dem Brunnen dem Schaff?

Ists auch zerbrechlich, es brauchet was nimmer zerbricht –

ist es auch hohl, es schöpft unerschöpfliches Wohl.

Tausendmal täglich tauchts in die dunkelnde Tiefe,

hebt sie empor in den freudig funkelnden Tag –

tausendmal täglich genießt es Empfangen und Schenken,

schöpft es und schenkt es der Welt, der dürstenden Welt.

 

So auch Du, ich, wir Alle, o Freundchen, sind beglückt im Empfangen,

glücklich im Schenken nur – nimmer im Haben.

Gib und empfang – Habe macht bang -

Wallen macht wohl- leb wohl!

 

10.

 

Ein treugetrostes Herz, das kommet nicht in Zwisst, -

wohl dem, das mit sich selbst so recht im Reinen ist.

Hindurch durch allen nichtig nächtigen Streit

blinkt ihm ein Licht aus der Einfaltigkeit –

es winkt und blinkt, tröstlich heller Stern,

den Wandrern allen, die der Heimat fern.

 

Ein Leitstern blinkt es durch des Elends Nacht,

blinkt wie ein Mutteraug in treuer Wacht.

In dem Es glänzt, der schaut den Grund die Welt –

von Wissensdurst und – wusste - unentstellt.

In dem Es wärmt, der baut im Wirrsalgraus

sich doch ein stillegetrautes Heimathaus.

In dem Es lebt, das Herze treu und schlicht,

ist unser alles heilig Heimatlicht.

 

11.

 

Ist das Rad die dreißig Speichen?

Nein- es dreht sich um ein Loch.

Ist der Ton der Wert des Topfes – nit sein Hohlraum – sags mir, Koch?

Und das Haus mit Fenstern, Türen, alles ein- und auszuführen –

denket mal, was wär es doch, ohne Loch - - -

Müssens wohl schon gelten lassen:

Wert ist da, wo wirs nit fassen.

 

12.

 

Wo viel glänzt, da wirst Du trübe –

wo viel lärmt, da wirst Du taub.

Schenk, o schenke Dich der Stille, eh Du wirst der Wirrnis Raub!

Hüt Dich, daß das Hirngelichter Dir die Herzglut nicht erstickt,

das Gepäck der Werkelwichter Dein Gemütruhn nicht zertickt.

 

RUHE –ehe Du zerrissen, eh der Ekel Dich befällt,

eh ob all der Leckerbissen Dir zur Qual wird diese Welt.

RUH DICH REICH!

Jagen und rennen die Leut nach Genuß,

glaub, sie rennen in den Verdruß;

aber im Tag voll Not und Mühn, muß dem Bleibendem Wonne blühn.

 

13.

 

Wer mir da huldigt, ich trag ihm nicht Dank – bin ich mein Werk?

Wer mich beschuldigt, der Tropf ist krank – bin ich mein Werk?

Wenn ich den Lobhudlern, Tadeldudlern glaubte,

zum Ichwicht schrumpft ich zusammen und Furcht kröche mir in mein Herz,

denn ein Stücklein müßt ich mich dünken,

ein Stöcklein, getrennt vom Baum.

 

Doch – ein Allwerk lieb ich in mir, so verstolzt mich kein Lob,

ein Allwerk ehr ich in mir, so verholzt mich kein Tadel –

so kann ich, könnt ihr mir wohl traun.

 

14.

 

Wer´S verstehen will – verstellt`S! Wer`S begreifen will – dem zerfällt`S.

Umsonst willst Du`S fassen –wag es zu lassen – und Du bist reich.

Lauf nicht nach – greif nicht vor – und auf springt das Nebeltor.

 

Weilend kannst Du`S grüßen küssen, mit dem Fleissgen fröhlich fließen,

mit dem Reinen munter rinnen in Unendlichem.

Schiel nit her, ziel nit hin –und Du bist im Leben drin.

Lass gelassen Dich erfassen –

geh nur Dich tief ergeben, sonder Zag,

so wird heitrer Dir sich heben Tag um Tag.

 

15.

 

Ich ehr die Urahnen, unsre albernen Vorfahren.

Auf dem dunklen, dem einfaltsgroßen Grund ihrer Unwissenheit

glühte das Kleinlicht ihrer Weisheit beglückend auf –

von Scheingrössen unverblendet,

fühlten sie umso größer und tiefer das heilige Geheimnis.

 

Wie soll ich sie beschreiben?

Achtsam, wie das Wild des Winters über vereisten Strom setzt –

voll Spannkraft, wie der Hirsch, der im Kampfe steht –

teils kühl wie der Fremdling,

und wieder hingebend, als wie schmelzendes Eis.

Ungehobelt rauh, als wie Hainbuchen

und wieder hold wie das sonnvergoldete fruchtbare Tal - - -

aber eben unbeschreiblich, unergründlich,

wie seines Stromes geheimnisvoll Gewässer.

 

Wer von uns heutigen schimmert wie sie so heiterlicht in die Finsternis der Welt?

Wer löset wie sie in solch treutiefer Geduld das Wirrnis des Todes?

Sie lebten aus, webten aus TAO, so fühlten sie treu in aller Notwendigkeit,

führten sie froh ihr Leben im Kreis des irdischen Jahres.

 

16.

 

Ist Dir gelungen ringende Ruh – Ringruh – Alles in Allem –

Alsdann wallen und wellen,

rennen und rinnen alle Wesen herbei Dir zu dienen –

Aus fernen Fremden kommen sie, Dich zu begrüßen.

 

In Erinnerungen erwachen sie, Dir zuzujauchzen, weil Du heimgekehrt.

Willkommen im Ring! So jauchzen sie, Willkommen bei Dir Selbst!

Nun ringst Du von selber – Selber im heiligen Sein,

Von-Selber leuchtet Dir auf sein Schein,

Von-Selber folgst Du dem Sternenrat zu heimlich heiliger Helfertat.

 

Ringe, oh Du, ringe in Ruh, nimmer kannst Du verenden –

Ewige Lust wieg in der Brust, weilend im eilenden Wenden.

 

17.

 

Einst gab es Könige – volle – die spielten gar keine Rolle,

Verstand – bracht um den König das Land.

Zu Kopfe gestiegen, vergiftete ihn seine Macht –

protzige Mache die Folge.

Darüber wusste und wisperte der Leumund, viel Hin und Widerrede –

und Hohn und Neid – Lob und Tadel umschlich den prahlenden König,

verfraß ihm den Wurzelgrund, so muß der Kühne verzagen,

so muß das Herz ihm versagen.

 

Von Furcht getrieben, treib er sein Volk wieder in Furcht –

Herrschsucht muß alles verhärgern, verknechten, verzerren, verzanken. - - -

 

Oh wachet, ihr heimlichen Könige, Herz Eurer Völker,

sie still und tief erregend und regelnd,

als regierten sie sich selbst.

 

18.

 

Das Traun zu TAO, unserem Urgrund verloren wir durch wirres Wissen.

Nun haben wir dafür Gesetze und Staatspuppen wohlgesetzt,

mit Urteilchen zerteilend und zersetzend, was im Urgrund treu und gültig ist.

Die lebendige Bande des Blutes, des Herzens, zerriß unser Wissen –

Nun haben wir dafür tausend Grundsätze, Sätze und Satzungen,

tausend Verpflecht und Verpflichtungen, die unser Leben zerquälen.

Weil wir unserem ordnenden Urgrund nicht traun, o wir Narren –

müssen wir uns mit Gesetzen zerfetzen und zerzanken.

 

19.

Fehlt leider

 

20.

Fahr hin Verstand, Du Mörder der Weisheit!

Verständig reden, anständig handeln?

Was taugts, wenns nicht lebendig von Herzen quillt?

Freilich, wag ichs, Dich zu verdammen, Du Gott der wägenden Krämerwelt

-

Bin ich verdammt?

Hah, ausgeschlossen, an die Luft gesetzt,

in die sonnig lächelnde Einsamkeit –

oh Insel seliger Innigkeit!

Leute, ja, plätschern in Oberfläche –turmhoch gehen ihre Feste –

Ich aber sinke, sinke zum Grund des Gefühlsstroms, ein Kindelein!

Leute begehren noch und noch – ich bin vergnügt im „Genug“

Sonn mich im „Nur“

Leute die haben, ich bin ein Habenichts,

Leute die wissen – ich aber bin albern, ungelehrt, ein Thor!

Versunken, versunken – umbraust  und umblüht

Von der ewig wellenden Welt,

mitwallend, mitwellend, hingegossen, angeschlossen –

immer von Herzen,

immer zum Herzen lebend, ohne Ziel und Zweck –

Hah, unbeholfen an den Brüsten allgegenwärtiger Mütterlichkeit hangend,

JA, ALS EIN MENSCH!

 

21

 

Aus TAO stammt und flammt, was wahrhaft kommt,

was uns begeistert, weils vom Geiste kommt –

ES, ES nur ist!

Und nur was ist, nicht was wir setzen,

ja nicht Gesetz, Ge-ist nur bildet und bindet

den wonnigen Baum unseres Lebens –

lebendig, also unfaßbar bindet Es.

Schal wird Gebilde, das nicht Bildung bleibt –

tot, was Verstand versteht, was Geist nicht weitertreibt.

Ja, Geist, das immer Fleissge nur sammelt die Säfte zusammen,

dran der Glaube sich nährt, das Glauben in TAO -.

Aber ins Wissen gerissen verdorrt sein Glaube,

traurig verdirbt seine Blüht, seine fröhliche Frucht.

Oh Du getrau!

Aufhört es Heimat zu sein, was nicht Geheimnis bleibt---

Oh, Du, geh heim!

 

22

 

„Was klein hält, wird wachsen“

Was neiget wird groß, - oh wonniges Wenig, du glückliches Los!

Das Viel ist das Fehl, ist der Kummer, die Fein, das Elendsein.

Allso der Große:

Das Kleinste erfüllend erreicht er die Welt –

Zu scheinen vergißt er, so wird er erhellt –

Sich selbst zu bereichern, das fällt ihm nicht ein,

wer aber kann ruhreich mächtiger sein?

Dem Inhalt ergeben, erhält ihn das All –

wer brächte den innigen Großen zu Fall?

„Was klein hält wird groß“

-      nur ein Spruch –

-      Doch mehr als „Zuviel“ ist „Genug“

 

 

23

 

Ach – die langbahnen Reden, Wahrheit zu beweisen,

beweisen ihr Fernesein.

Und was ist denn Wahrheit überhaupt und feststehend?

Werden ist wahr!

Lass werden dein Wort – Versprechen, schon Verbrechen.

Kein Wetter bleibt gleich von Auf- bis Niedergang;

Der Wind, der aus dem Weltall weht,

wendet ohn Unterlaß – so auch dich, oh Mensch,

den Geist, den Du nicht verstehst.

Darum laß ab, auf einmal gesprochenem Wort zu beharren,

daß Du nicht zerbrichst!

Walle mit, wandre mit, nicht zu verstehen,

doch mit dem wallenden All treu-freilich zu gehen, zu drehen. 

Geh, vergiss dein gestrig Wort, nimmer ists wahr,

geh unter im jetzigen Wahren!

Geh, aus dem Untergang einzig der Ausgang bricht,

geh, aus dem Dunkel lachet das Licht!

 

24

 

Ihr nichtige Wichte –

Ihr Allzugernegrossen!

Auf Zehen werdet ihr nicht lange stehn,

beinspreizig nimmer lange gehen!

Ihr protzt mit Licht --- ihr Spiegler, ihr Gelichter!

Ihr prahlt mit Recht --- ihr brecht -  ihr Splitterrichter!

Rechtbehälter, fort den Plunder!

Stolzholz in den Ofen runter –

Das ist Abfall, Kehricht,Schmutz,

Würmern vielleicht noch was nutz!

 

25

 


Nah und weit wie das Himmelszelt, Alles umspannend,

allso wölbt sich das Eine, das ich mein –

das Allgemeine, Allumarmende, Allesbegehrende, Alleserbarmende Weltenherz.

So unzulänglich das Wort auch sei, ich rufe es TAO an.

Oh größtes Du, im Kleinsten grüß ich Dich,

aus allen Fernsten grüßt Du mich –

Ewig da –ewig dort – TAO mein Hort!

Der Himmel in Dir, die Erde in Dir,

und Alles, Alles hier!

Den König will ich heißen, der so kühn ist, in Dir

-      aufzugehn

 

26

 

„Aus dunklem Ernst glüht auf der Freude Stern“ –

Drum hat der Tüchtge die Beschwerde gern.

Er liebt die Last.

Er liebt die Bürde, die der Tag ihm bringt,

denn wuchtiger und würdiger wird so sein Tun

und also auch sein Ruhn

So faßt er Grund, so wird er wacker wahr – wird treu –

Und zu ihm fassen Zutraun alle Herzen.

Doch wehe weh dem Mann, der tänzerisch, tändelnd lebet –

Die Schwerde flieht, um leichter Lust allein zu fröhnen

So muß sich lockern seines Kreises dunkel guter Grund –VERTRAUN,

und treulos, trostlos fällt die Volkheit auseinander.

 

27

 

Wackrer Wandrer kann gut weilen,

wohl kann schweigen wer gut spricht.

Wer gut schreibt, zählt keine Zeilen –

Wer gut treibt, treibt ohne Keilen;

Scheinet, schimmert Euch ein Licht?

 

Schaut den Erlauchten, schaut den Gelaßnen, den Walther:

Weil unweigerlich in Treu und Ehrlichkeit,

ehret und liebet ihn Mensch und Tier

und statt ihm zu schaden, eifern selbst Verworfene, wie sie ihm dienen.

So bewährt sich der Walther zu unserer Freude: -

Aber die Verworfenen, könnt ich sie schmähen,

da sie den Walther doch erst wert und erfreulich machen?

Drum Ehre dem Walther, doch Liebe auch dem zu Bewaltenden!

Oh Geheimnis der Eintracht!

Denn wie, ohne diese beiden, sollt uns das Trauliche,

sollt uns die Liebeslust, sollt uns Gemeinschaft gedeihn?

 

 

 

28

 

Wer wahrhaft kann, denkt nicht zu zeigen die Kraft, er kann sich neigen ---

Weibtum gepaart wird er zeugen, was Freude schafft.

Wer wahrhaft Strom, der wird strömen und also sein Strombett auch finden.

Tief und tiefer fallen und wallen wird er, nicht hoch, höher sich stellen.

Wer wahrhaft klar, denkt ans erklären nicht,

aber im Dunkel bewähren, wird er sein Licht!

Ist er Licht, braucht er kein Dunkel zu scheuen,

und je mutvoll tiefer ins heimliche Dunkel er taucht,

um so glutvoll heisser und heitrer empor, glüht seine Tat.

 

Wer da wahrhaft groß, der grüßt auch das kleinste mit lieb,

und in die Täler der Hütten, steigt er voll Innigkeit.

Ach, er vergißt sich, begeistert voll Sinnen und Minnen,

als wie die Mutter im Spiel mit dem Kind, scheckend ewiges Sein. 

Wie? So wäre der Mann, den wir brauchen, der Starke?

Ja, den wir brauchen, der kraftvoll Große, lösend den Krampf –

innig lebendig erbauend, was Stärke starr Stolz zerstörte.

Grüßet, oh grüßet den mildfesten Mann!

 

29

 

Gemeinschaft mit Gesetzen leiten? Nein, Kinder nimmermehr!

Gesetze zersetzen, Starrheit zerstört die Gemeinde.

Gemeinschaftsleib, wie unser Leib, er gedeiht,

wenn die Glieder beschaffen dürfen, was Leibes bedarf.

Was im Bund der Eingeweide erfühlt und bei Herz und Hirn,

dem geweihten Paare erkannt wird, wird immer neu erkannt.

So kann leibhaftige Ordnung gedeihen.

Wer aber da ein für alle Mal verordnen will,

heiße nur Verordner, aber Ordner doch nicht!

Ordnung – festsetzen, halten, haben? Oh Widersinn!

In Ordnung waltend webend, Sein – jawohl!

Ja, Wechselfälligkeit, bedarf unseres Lebens wachsende Ordnung.

Hier vorgehen – dort nachgeben – hier wärmen – dort kühlen –

wachsam ihr Wachstum nachfühlen, nachdenken, nachlenken –

so will es des schönen Miteinander lebende Ordnung.

Darum Ordner nur, wer selbst innig neu und neu zu horchen,

also zu gehorchen weiß.

 

30

 

Wer Tao nicht trauet, der König muß sich in Kriege verkrampfen.

Zwingend entzweit er, herrschend verheert er die Welt.

Grause Verwüstung folgt seinen Tritten,

und seine Ernte sind dorrendes Land und verdorbene Leute.

Aber dem Tao getrauenden König, dem blühet das Reich!

Ohn Machtgeprotz waltet er mächtig zum Segen des Landes,

ohn lärmend Getuh gehet von ihm die Tat, wie von dem Landmann die Saat.

Und seine Ernte? Rüstig im Lande leben seine Getreuen,

ohn Rüstzeug und Waffen – wohnen in stillen Hütten ohne Gepräng

aber von ihren Herzen und Herden erschimmert lächelndes Siegen –

Sieg – nicht Triumpf – Sieg, der ein Segen ist, jedem der naht.

Sieg in der Tat.

 

31

 

Du, daß in dem Rüstungsbetrieb dir nicht welke die Rüstigkeit.

Daß in dem Kramhag dir dein Kraftbehag nicht verdorre!

Siehe den Walther:

immer um rührige Kraft ringt er nur –

ringet dem Frohen, den Freund in sich zu entbinden,

tiefer zum sieghaften Leben zu finden!

Wie könnte er grausam tötend frohlocken?

Wie sich des Rechten erfreuen, gewonnen durch gräßlichen Mord.

Hah, er will siegen, Herz ist sein Hort!

Links schlägt das Herze, rechts schlägt die Faust –

wohl dir, der du mit beiden haust!

Aber die Rechte, die Linke allein --- ach, schon hör ich das Wehgewein ---

sehe zerflammen in Wirrwarrgraus, Haß unser Haus.

Recht brauchet Link und Link brauchet Recht –

biegt --- oder brecht!

 

32

 

Tao namenlos du, doch dir alle Namen entnommen,

ewig keimen und kommen alle Gaben aus dir.

Mächtige Einfalt, du innig einendes Alles –

der nur ein Walther, der heißerkennend dir traut.

Zu ihm wandeln die Edlen, mit ihm zu wohnen –

ihm zu, ihm zu schlagen die Herzen all.

Walther getrau!

Und still und insgeheim wie der Tau in der Nacht,

tauet das Glück aufs Gefild deines Volkes –

ungreiflich geisternd als wie der Sonne zaubrischer Strahl,

gehet schimmernd von dir Taos ordnende Kraft.

Walther getrau!

Und wie der Himmel die Erde mit Regen durchschauert,

rinnet dein Segen hinein ins durstende Menschenvolk.

 

33

 

Andere lehren, aufklären? – ach, das verheeret die Welt!

Oh wie so klug du die anderen lehrest, sie zu bekehren zu Weisheit und Recht!

Ach du verkehrst sie – lasse die Andern – leben im Licht, das dir aufging.

Das blinket von selbst und wärmet von selbst auch die andern –

und siehe dort, siehe da, so mancher hebt sich zum wandern ---

wandern, wohin? – nirgendhin – hier wandelwohnen –

hier wo ich tief walleweil, hier treffen sich alle die Zonen.

 

34

 

Mit dem blauen Zelt des Sonnentages

 neigest und beugest du mütterlich um uns alle dich, Urtraum du.

Mit dem Blut unseres Leibes rührest warmblühend du in uns allen dich.

Mächtiges du, doch nimmer herrisch, nein, die Bescheidenheit selbst.

Still ohne Schüchternheit, groß ohne stolz –

der Edle grünt aus demselben Holz.

 

35

 

Wanderer – wer ist´s?

Frei wie der Wind, wie der Sonnenschein, so tritt er ein.

Wir fragen woher, wir fragen wohin?

Von hier, heißt es heiter, grad her wo ich bin!

Gibt frisch uns ein Lied, einen Ohrenschmaus –

wahrhaftig, sind wir oder er hier zuhaus?

Wir fragen, wir drängen, wir wollen verstehen ---

da sehen wir schon ferne den Wonnnigen gehen.

Doch in uns fühlen wir uns selber bewährt –

uns alle hat seine Nähe genährt.

 

36

 

Oh Mensch – Du scheingeblendet – Du wissensblinder Du,

Du neidest – Du höhnest – still doch, gib Ruh!

Was denn so nichtig – was denn so wichtig?

Dein Gewichte betrüget dich. Eines wäget am andern sich.

Last an der Lust und Lust an der Last – wohl dir, wenn du das recht erfaßt!

Klein schafft das Groß und Groß schafft das Klein –

du lebe traulich mittendrein, nur zu leben beflissen!

So wie der Fisch in der Wasserflut bist, oh Mensch, du in treu nur gut,

und verdorrst in dem Wissen.

 

37

 

Ruhlich aus Tao rollt alles Geschehen –

Tat und Tot – Auf und Ab – Es in Allem – alles in Ihm.

Kein Einzelnes ist, darum was soll all das Sichrungsgetuhe,

das uns die Freundschaft zertut?

Oh Menschen – Männer – lasset das bange Betreiben,

waget zu bleiben und trauliches Tun rinnet aus eurem Ruhn.

Ach in dem kalten Eilen erstarret des Wohlseins Well,

aber aus wonnigem Weilen rinnet des Wohltuns Quell.

Also, getrost, getreu, zu bleiben getraut,

und lieblustiges Leben jauchzet durch unsere Lande.

 

38

 

Wie Wasser durch Kälte zu Eis erstarrt – dasselbe, ja ganz dasselbe –

wird Leben durch Lehre zu Geiz vernarrt – dasselbe, ja ganz dasselbe!

Hah, hochwohl weisliches Tugendgelehr

gelehrt ist die Taugliche tüchtig nicht mehr!

Geübtseinsollendes Gut wird schleichender Lüge voll,

selbst die Lieb wird zum Dieb, entwendend mir den, den ich lieben soll.

Oh Moraliste, dein frostig Fordern, das düstre,

zu heitrem Fördern kanns uns nicht gedeihen.

Skrupelkrank aschst du das Hirn, machst Mördergruben aus unseren Herzen –

deine Methoden, die toten, voll blutlos herzloser Lehren kränken uns tief.

Nimmer hauchen wir frisch und frei, wie`s im Inneren erwellet,

 heucheln gewissensscheu nur wie die Lehre verlangt –

oh ja, gefällig, hübsch sittsam nur mischen wir unsrer Falschheit Gifte,

 oh so „pflichteifrig“ lieb, das vor der „Lieb“ mir bangt!

Bah, von dem Gutsein mehr kein Getut!

Herz heraus, Scherz heraus, das schürt die Glut – ernstheilige Glut!

Aber, wenn wir so „gutseinwollen“ –

braucht uns die Hölle nimmer zu holen,

sind ja zu ihr schon ganz recht auf dem Weg,

denn der verteufelste zwistigste Bastert, listig gepflastert:

mit „guten Vorsätzen“ – jawohl!

 

39

 

Leben ist nichts als ein einzig groß Miteinander!

Also hinein!

Sonne und Mond und alle Gestirne sind mit darein in dem Ruhringereihen ---

jedes auf seine Weis – ringelet mit im Kreis, hält sich gering, das gibt Geling.

Aber blöde sich blähet, kann nicht herein, er muß platzen –

purzeln muß wer auf Stelzen steht, anstatt daß er auf Sohlen geht –

purzeln muß wer auf Kopf besteht!

Herz führt den Tanz, nit Prahlhans –

führet ins Runde, tiefruhende „Ganz“.

Herzhaft Haupt das liebend glaubt ---.

Dies ist der Eingang zu größten Bereichen, Kleingang sein Zeichen.

 

40

fehlt leer

 

41

 

Der Edle hört TAO und gehorchet hingegeben---

Der Weise siehet seine Spur und folget ihr halb und halb, -

Der Kluge gar aber, der spottet darüber und macht ein höhnisch Gelächter,

weil sein Verstand ihm versagt.

Höhnet er nicht, dann ist er nicht „klug“, oder ist nicht TAO im Spiel.

Jah höhnet nur, ihr Verständler!

Der Edle, - na lachet- der gleicht einem Loch, der Elende einem vollen Trog.

Der Eine lässt gerne aus und ein -  der Zweite möchte immer Behälter sein.

Der Eine ist offen für Sonn und Graus,

der Andre wünscht sich nur Glück ins Haus.

Es kommt auch, schau schau, eine Sau, er hat Schwein –

das futtert ihn aus und ihm bleibet die Pein.

Dem Einen, dem Edlen, bleibt immer doch,

sein luftig, sein lustig allatmendes Loch.

 

42

 

Heiter aus TAO dem Einen zweiget die Welt:

A und O – Mann und Weib - 

ihrer Ehe enttauchen alle Geschöpfe,

dem Ureinen entsprungen springen Alle allher.

Allso dreht sich und dreit sich im Hochzeitstanz die ursprüngliche Welt, quillet lebendig und spriesset das ewig Dritte, das Kind aus dem Bunde, hüpfet voll ahnenden Hoffens hinein in das offene All –

aus TAO hüpfet es, aus heiliger Gelassenheit.

So auch der Edle, aus Urgrund geboren, ruhet und tut er gelassen,

starrt nicht in Todesflucht, stört nicht durch Tatensucht.

Willig lässt er die Rede gehen, wohlig die TAT geschehn.

Solche Weise hier und dort zu beleben,

das wär vor allem der Wert seiner werdenden Worte.

 

43

 

Stärke, die starre, ist nimmer das Mächtige auf Erden –

aber der Fleiss, der fließende ists, der weibliche, weiche – 

hartes Gestein durchlöchert das flüssge Getropf---

Was kann dem Flusse der Stein? Welches ist mächtger?

Allso waltet krampflos der kräftige Walther,

still überzeugend ohn viel Gered und Getuh

lehret durch Lernen, lebt durch Verzicht - 

Er, der Gemeinde köstlichstes Licht.

 

44

 

So spricht ein Weib:

Gold, was liegt daran? Bin ich bei Ihm, dem goldnen Mann,

dem Mann voll Mut und Leben  -

 bei ihm und wär er bettlergleich –

hah, kaltes Gold macht nimmer reich –

machts Herz voll Bang und Beben!

Drum, wenn mich einer freihen mag, so mag an unserm Hochzeitstag,

um sonnengoldnes Leben,

er´s Gold der Hölle geben.

 

45

 

Hör auf – Fall heim -  verstiegne Welt!

Jah! Grösse scheint freilich dem Hochmut oft klein,

gleicht sie doch oft einem Sämelein ,

hinschwindend, versinkend, bescheiden im Grund,

dem Neunmalklugen wird nimmer sie kund –

der sieht in des Sehens,  des Wissens Bann

ihr heimelig heimliches gründen gar leichtlich als Narrheit an:

weil er ja nit schauen kann. –

Sie kommt nie vollendet, vollkommen rund, blüht grossmutheiter,

von Herzensgrund, zur Welt uns ihr Sonngesund.

 

46

 

Wenn wir genügsam in TAO wandeln und wohnen,

reitet das helle Vergnügen durch unser Land.

Und die dunkle, dungende Erd fahren unsre Rosse.

Aber, wenn ohn Es wir habebang, gierig eilen, statt weilen –

reißt das Verderben die Häuser uns nieder,

und unsre Rosse zerstampfen Gärten und Felder.

Gier ist der Mord.

Saht ihr den herzlosen Sämann, den hagern, den giergesichtigen, kalten,

sahet ihr stapfen durch steinerne Städte ihn?

Geld seine Saat. ---

Oh, so pflanzen das Korn wir und pflanzen freundliche Bäume,

und auf Du und Du mit Frau Not leben wir froh in Geduld.

 

47

 

„Genügen“ ist der Winkel,

in dem die ganze Welt wir nit bloß bestens schauen,

denn auch allbestens bauen – tief im Heimatzelt.

Hier durch mein Hüttenfenster, durch meine Hüttentür,

bei meiner Bäume Schweignis wird alles zum Ereignis –

Stein, Blume, Mensch und Tier.

Hätt ich Begebenheiten wie bei dem Tor der Stadt,

mein Hören und mein Sehen müsst ob dem Wust vergehen,

betäubt, geblendet, matt.

Drum lob ich mirs Ergnügen und wandre ich auch hinaus,

bleib ich, so recht dickfellig, nur Wenigen gesellig,

doch – wie ein Schneck – zu Haus.

 

48

 

Jah, ihr Gescheidten, weit seid ihr gekommen

und immer weiter kommt ihr vom Geist, dem ewiglich nahen.

Habet herumgestöbert und herumstudiert, -

habet euch dick und fett gefuttert mit alledem Wissensstoff,

nun seid ihr voll und verstopft fürs urfrisch geisternde jetzt.

Oh so verdauet doch!

Habet gegessen, nun lasst euch vergessen –

vergeisten lasst nun, lasst ruhen, - lasst ruhen!

Wärt ihr „Geleerte“ wie man euch spottet,

das wäre erfreulich noch, aber gefüllt, überfüllt, Verstopfte seid ihr –

Allso verkleistert könnet ihr freilich euch nicht und uns nicht begeistern  -

fern seid ihr TAO und fern den eintrachtheiteren Meistern.

 

49

 

Nein, nie glaubet der Edle, dass man ihn schmähet –

wie auch die Zungen wackeln, wie auch die Mäuler schrein

nein, aus seiner Eintracht Wohlsein lässt er nimmer sich reissen,

irren sie doch, die ihn Werweisswas heißen ---

Mit sich im Reinen – traut er der Welt.

Grün aus dem Grunde sprosset sein Urvertraun,

grün ist er Allen, grün auch den Graun.

 Ist er durchdrungen doch:

Frühr oder später horchen sie dennoch und schaun in Vertraun auf,

als wie Kinder zum treulichen Vater“

 

50

 

Am Leben hängen, heißt dem Tod verfallen –

Den Tod nicht fürchten, heißt im Leben wallen ---

Drum lass und leb, oh Mensch!

Und das Rhinozerross hat sein Gehörn umsonst vor Dir,

und umsonst und für nichts seine Pranken das Tigertier,

und der Soldat, er wüßte nicht, was ihm sollt sein Spieß, vor Dir –

der dem Leben sein Leben ließ.

 

51

 

TAO, fröhlich sprudeln aus Dir alle Quellen,

heiter hüpfen aus Dir alle Geschöpfe,

und Dein mütterlich leben nährt und erquicket sie alle,

weil sie unverwusst wohnen in Deinem wonnigen Schoß.

Aber wir Menschen – oh sind wirs?

Wir traun nicht, wollen wissen,

statt Dir zu danken für Dein getrauliches Du, Deine dunkelige Ruh.

Oh, daß wir trauten und säten getrost in das Dunkle

und aus dem Dunklen sproßte heilige Blust, blühte  helleheile Lust –

Innigkeit reifte, es reifte der Weisheit Frucht –

reifte ein urfrisch freundliches Leben. –

Unverwußt wieder würde von Herzen springen

der hellsprudelnde Quell allerquickender Liebe.

Oh, daß wir  trauten –

und Wohlsein mütterlicher Urheimlichkeit umarmte wonnig all unser leben.

 

52

 

Mütterlichkeit ist Wesen des Lebens,  drum kommt nur Kindheit zu ihm ---

Wer das empfindet, lebt geborgen als wie ein Kind im Mutterschoß.

Oh, wer das findt, dem wird geboren wie wonniglich Menschenlos.

Anpressen, - fest ansaugen –

hier, hier an der mütterlichen Allgegenwart wunnig nullen –

da, da – nur, nur, und nichts andres wullen.

Das, das ist Halt und Heil im Leben.

Aber selbstherrlich den Mund auftun:

 „Ich will, -  ich weiß – ich kann – ich bin ein starker Mann“

Oh weh, das mußt haltlos auseinanderfallen,

ermatten muß es, ermüden, verhungern und verkümmern.

Denn die Zitzen des Lebens sind winzig klein,

ein Großmaul kann sie nicht saugen.

 

53

 

Oh Eur Prangen, Ihr Herumregenten

macht gierig das Volk

und giftet mit Neid sein Herz und sein Hirn mit Misstraun und Lüge –

Euer herrisch Regieren verhergerts nur,

und bringt es nur außer sich und außer die Ordnung.

Statt trauter Heimpfade, statt Gärten und Felder, treu gepflegt, und Redlichkeit – gleißende Chausseen und protzende, gleißnerische Hofhaltung,

unheimlich weite Paläste und: Verlogenheit.

Jah, wo man nobel tut, da kann das Edle nicht wohnen - 

und wo der Luxus praßt, da wird das heimlicht erstickt.

Oh „Herrschaften“ Ihr -!

Schmeichler – Heuchler – Diebe – jah Mörder – freut Euch, sind Eure Freunde,

aber TAO`s heitre Gesellen, die Herzhaften, müssen Euch fliehen.

 

54

 

Weit rinnt ein Quell, des Ursprungs keinem kund –

weit wirkt ein Mann aus heimlich dunklem Grund –

ein treugetroster Mann.

Aus seinem Heimkreis geht sein Segen aus,

der dauernd die Gemeinde hegt und hebt.

Ohn End wirkt weiter stets sein minnig Mahnen,

zeugt durch die Welt – entzückt das ganze All.

Der wird ein wärmend Licht, der sich ins Licht nicht stellt –

der, daß er stürze nicht, frei zu dem Heimgrund fällt.

 

 

55

 

Als wie ein Kindlein geht durchs Leben, der in TAO geht.

Tief in die Wiege des ewig wiegenden Leben gebettet scheuet es nichts –

nicht der Tarantel Stich, nicht der Wildkatz Gekrall – noch des Falken Gefäng

Entgegen allen Gefahren strecken sich seine Greifhändchen –

hinein in die Wildnis der Sinnlichkeit,

recken sich hungrig all seine Sinne,

einzuleiden, einzulieben ins kleine Menschlein die ganze große Welt.

Es schreit und schreit hinweg, was es schmerzt,

von selber kräht es, nicht heiser, heiter kräht sein Seelchen –

von Selber – vonselber! So gehet, der in TAO geht ---

Dem Selbstling aber, dem Süchtigen, geht das Selbst, das selige Kindlein verloren. Verstand bleibt übrig, der traurig selbstherrliche „Starke“

Da steht er – gestört, verärgert, außer sich gekommen,

ach aus dem Häusel geraten, blaß vor der Tür ---

Wetter zausen an ihm – er geht nicht hinein –

Hunde springen ihn an – er geht nicht hinein –

Menschen kommen: “Geh doch hinein! Mensch!“

Er stiert, er starrt, - er ist tot.

 

56

 

Der wahre Freund ist kein Erklärer, der Redliche ist kein Rederich

erkennend, erahnend die wirklich helfende Stille,

lärmet er nimmer innig beflissen,

den Wirrwarr zu schlichten, das Krause zu lichten,

vergißt er beweisen –

und sie begreifen ihn nicht, die geschäftigen Leute,

 heißen ihn faul, heißen ihn gar noch den Feind.

Ihn kränket es nimmer  -  nein, er verteidigt sich nicht, unser Freund;

schwingt selig gemein, gesellig Allein –

er in der Wirwelt traulichen Reihn.

 

57

 

Jah, um ein Volk zu verderben,

muß man glänzend geschliffen, gewandt sein in allerlei Kniffen –

muß mit den Titeln locken, muß mit den Strafen drohn ---

Aber ein Volk wohl zu leiten, muß man nur herzlich redlich sein

und  - nichts - weiter.

Stell ich das auf? Oh, das stellt sich von selber,

sichtbar genug sich täglich und stündlich vor Augen.

Da, die Verbote, sind sie es nicht,

welche den schleichenden Schwindel geradezu züchten?

Und die Statuten,

stehn sie nicht gerade der, freilich nur freien, Ordnungsliebe im Weg?

Oh die Verordnungen, sie sinds, die uns die Ordnung verderben –

und die Gesetze, sie sinds, die das Verbrechen uns ziehn!

Darum denkt der Berufne, der redliche Walther:

 „Ach was, ich drücke ein Auge zu, und manchmal auch beide“

Und siehe das Volk, ermuntert im Innern, eifert von selber innig und einig zu sein.

 „Ja, ich erlaube, meine Erlaubnis umkränz grüngrüssend die Lande!

Und sieh – fest und fester in sich schaltet und waltet sein Volk.

 „Spielet nur Kinder, mische mich nicht in all Eure Spiele“

Und, in des Zutrauns Sonne erblühet das Volk

 und trägt reicher und reicher der Freundschaft köstliche Früchte.

 

58

 

Wie herzfroh redlich regt sich das Volk,

des Haupt ihm getrauet und es willfahren läßt –

aber wie traurig schleicht es dahin,

durch Gesetz-Gespitzel verhetzt und im Grund, im Vertrauen verletzt.

Wer könnt so gesetzlich sicher sagen, was taugt?

Muß nicht geirrt und probiert und geprüft sein, was freuet und frommet?

Das Überhaupt Gute – wer wollt es bestimmen? Wer?

Das Gute zu Diesem, zu Jenem das Gute – gesucht, versucht muß es sein!

Aber das Leben auf noch so gerade Sätz und Gesetz ziehen wollen,

wie krampft sich das krumm!

Darum ein Haupt, ein wahrhaft Haupt des Gemeinleibs läßt sie ruhn,

seine Glieder und läßt sie auch Sprünge machen –

Zwingen? O nein – Zuwinken reicht, daß sie achten –

Und von selber wird das Eckige ründer, heitert das Trübe sich –

Und aus entsetzlich hirnfrostigem Graun tauet auf, blauet auf,

herzfrohes Tun

 

59

 

LASSEN,

Mut Du heiliger Enthaltung, Entfaltung unsres Wesens ist Dein Preis,

und unsres Geistes heitere Gestaltung –

Wohl uns, wenn einer recht zu lassen weiß!

So sammelt sich von selbst sein Sam, der Leben zeugt,

und selber faßt er Wurzel in dem Grund –

So kommt er heim,

und heimlich kommt und keimt empor sein Stamm, sprosst auf sein Volk –

 blüht auf des Menschsseins weit und breit verzweigter Baum.---

Oh Mensch – o lass – lass werden!

 

60

 

Vermesse keiner sich ein Volk zu führen,

der uns kein Mahl bereiten, kein Feuerlein uns schüren kann!

Wie – stellt – er – sich – an -?

Ist er auch zärtlich genug, den Funk, den neugeborenen, in Streue zu betten,

mit Öl ihn zu salben, bis er zur Flamm ihn genährt,

die um den Kessel fährt, drein die Speise uns brodelt?

Würzt er das Brot auch mit der Würze: Freundesgedenken –

mit jener Wunderwurzel, deren Kraft die öde Speis uns erst zum Wohle schafft –

zum Heimwohl – zum Eintrachtmahl, das Freundesfreude nährt,

den Feurer wohl als Führer uns bewährt? -  ? - ?

 

61

 

Groß kann ein Volk nur in der Tiefe werden

      als wie ein See –

Hinrieseln alle Tropfen zu den Tiefen,

die Bäche alle rennen, rinnen hin,

die Flüsse alle kommen hingeflossen in hingegossner Eintrachtseligkeit.

So auch die Völker alle zu dem Stillsten, Tiefsten, Weiblichsten.

Weil es sich unten hält,

wird’s Unterhalt und frohe Kraft und Nahrung vielen Völkern.---

Stell dich nicht hoch, o Volk, sonst muß dich Neid zernichten

halt klein, halt tief, so wirst Du, bist Du groß.

O Menschen, Völker, ehret wahre Größe,

wehrt wahrem Wohl, dem tiefen Muttermut.

 

62

 

TAO, Du Heimat Aller!

Doch die Behäbigen, Gesetzten, in Sattheit verschlossen, finden Dich nimmer.

Patzige Reden, protzige Taten – Zeichen sinds, daß Du fehlst.

Aber dem Menschen, der hungrig und durstig lieber im Elend wandert,

als um Geld seine Seel zu verstellen –

dem springen allda Deine heimlichen Türen auf:

blühn Deine Bäume, glühn Deine Früchte,

o dem lachet Dein Garten frohlockend entgegen! –

Jah, dem Entschlossenen  tust Du Dich auf.

 

63

 

Oh so vergeschäftelt doch nimmer des Schaffens heilige Freude!

Oh so verschwätzet das Leben nicht mehr.!

Waget zu ruhn!

Aus Schweigen nur zweiget Freundeswort und werk, aus Ruhn sein Tun.

Zu was? Wohin? Warum so viel Gezappel?

Nur Narrheit drängt ins Hohe, Weite, Viele –

im wonnig Wengen lebt der Weise reich.

Und kommt das „Glück“, nach dem die Leute jagen

      Er-kanns-ertragen. ---

Doch kommt Frau Not, auf tut er weit sein Haus,

zieht ihr den schweren Mantel aus, mit harten Mühn

doch um so lichter blüht sein Heil ihm draus, sein Glück, sein Glühn.

 

64

 

Klein?  Was ist klein?

Der Riese der Zwerge höhnet, der ist es – der Zwerg, der Riesen beneidet –

Jah! ---Klein ist der Neid der rohnnit die Bohn.

Schrittlein sinds, die uns führen rund um die Erde,

Steinlein sinds, die uns bilden den mächtigsten Bau.

Oberflächennarren sind wir, achten wir Maße und Masse klein oder groß.

Wachsen ist groß!

Hier, der winzigste Sam schwellet und quellet,

keimet und bäumt sich aus dem Grund er nicht hoch auf zum wuchtigen Baum?

Und er, der Baum? – wozu breitet und spreitet er seine laubigen Zweige,

atmet und sauget durch Laub und Wurzelwerk er, alles und alles?

Nur um den winzigen Sam, den winzigen Sam.

Wo ist ein Kleins?  - Alles ist Eins!

Allso auch wir, kein Zweites scher uns, Geselle –

innig nur ein und sonnig glüht uns die Welt. Nur innig beginnen! –

 Eins aus dem Andern, von selber kommt es, es macht sich –

willst Du es machen, dann Du, zermach es nur nicht!

Selber fasset es Grund und keimet und kommet von selber,

freut sich des Lebens, labend uns insgeheim ---

Uns bleibt nur Innigsein ---

Groß auch im Klein!

 

65

 

Alle die wahrlichen Führer, weil TAO sie kannten und ehrten,

ehrten im Volk auch der Einfalt heitere Ruh –

blendeten nicht mit Wissen sich selbst und die Ihren:

Allso führte sie treu der Treue heimliches Licht.

Aber Heimaträuber sind die Geschäftgen, Gescheiten,

die Verlogenen, Klugen, Mörder der Heiterkeit.

Oh so lasset uns, Freunde, die Herzglut der Echtheit nur schüren

 und das heimlich Heitere, das Warme, es blinkt –

Ach nicht zerwissen, zersehen die trauliche Treue!

Horchen und schauen und trauen – und alles Grauen versinkt.

Wissen versinkt, und begeistertes Leben entspringt!

 

66

 

Seh – die Tiefe nur sammelt lebendge Gewässer,

und die Seele, die tiefe nur, wird vom Leben geschwellt - 

hoch gestellt muß sie verdorren! –

Freunde bedenkt, - denkt an die Fordersten, Frommsten - 

waren sie nicht die Untersten, Letzten im Land?

Bettler und Narren nennt sie der gleißende Pöbel,

bis sie ihr Volk endlich als Heilge erkannt.

Oh der Getreue – wie auch geschmäht und scheinbar verachtet,

achten und atmen doch Alle sein helfendes Sein –

ihm zu, ihm zu sinnet und sucht unser Sehnen –

niemand verletzt ihn – den letzten tiefsten Getreuen!

 

67

 

Hah, der Narre, der Sonderling, höre ich euch mich benamsen.

Sonderling, jah, von all dem sondernden Treiben,

alle dem trüben Herre- und Knechtebetrieb!

Narre, jawohl, in diese Weise vernarrt:

Leben ist alles eins, Nichts geht verloren,

wie ich es lasse, wird es geboren!

Allso geborgen, wall ich in Ruh, wohne mit Allem auf Du und Du.

Und ihr, eure Weisheit, ihr Gemeinschaftlinge, ihr Klugen?

Ich leb, wenn ich hab,

drum Haschen und Fassen und Neiden und Höhnen und Hetzen und Hassen.

So ist denn die Hatz euer Schatz, den laßt doch lieber der Katz!

Und schaut doch mal, ob „Narren“ nicht besser unsre Gemeinschaft ernähren,

und schaut, ob „Sonderlinge“ nicht grade die Freunde uns sind!

 

68

 

Wer als Hauptmann taugt, will nicht den Kopf durchsetzen.

Ein tüchtger Kämpfer zankt sich nicht herum –

Und mutig ruht, wer wahrhaft kann besiegen.

Nun horchet einmal noch eurem Hauptmann um!

Und habt ihr ihn mit eurer lieb gefunden,

dann hebet ihn auf eures Herzens Thron, er heilet heiter eure Wunde,

Er, er, des Lebens urgeheimer Sohn!

 

69

 

Sieger, wer ists?

Er lebt auf dieser Erden getrost Zuhaus

und flieht nit vor Beschwerden in Schwindelgraus!

Wahrhaftigkeit! Das, das ist der Wert des wirklichen Siegers,

das, das ist des Menschenmannes Wehrhaftigkeit!

Jawohl der Mann, wallweilend treu und dreist,

der wird ohn Krieges Dampf und Krampf und Waffen fortwähren siegen,

denn er schießt mit Geist. ---

mit heilger Begeistrung führt  er das Heer seiner Freiheit-Gefühle,

jenseits der Frechheit hochherrlichen Knechtegewühle!

Umbringen? Nichts! Aufbringen, auf aus der Grämerpein den sonnigen Mann!

Sagt – saget an: Wer wird wie der so sieghaft,

wer so gewinnend sein?

 

 

70

 

Leicht zu erkennen wär, was ich mein, und leicht zu erleben - 

aber die Wissensgierigen, nimmer erfahren sie, nimmer das Meine.

All zu süchtig suchen sie sich und Sich.

Ließen sie sich und mich, sie fänden das Allge-Meine ---

Ja, nimmer erfährt der Verstand die warmwellende Seele,

das glühende Selbst, das seelig der Geist nur erkennt.

Verstanden – bin ich verloren – begriffen – ist nichtig mein Wert. - - - 

Hüll tiefer mich in dein Dunkel, mein härener Mantel,

vor dem Verstandenwerden o hüt mich,

Du, der Weisheit, der „Narrheit“ Gewand.

 

71

 

Weiser, denkst nicht zu wissen – darum weiß er wohl zu denken.

Und denken, das ist und erhält gesund

      weit – frei – froh –

      Wissensdünkel aber, ist und macht angstig eng, macht krank.

Drum fort dem Dummkopf, Dünkelstopf –

und Weisheitsheiterkeit, Dankbarkeit, durchströmt begeistert unsre Leiber!

 

72

 

Lebensmut – Wissensangst – Entweder – Oder – !

Wissend bewahren, schließen wir Weisheit aus.

Drum auf mein Haus!

Lang genug in der Dumpfheit Saft, in der Frechheit der Wissenschaft,

hockt ich befangen -  Nun wird gegangen!

Not kommt herein -  lös mich von Neides-Pein – Komm, laß uns ringen!

Lös mich von Wissenswust;

Notwendlust, Lebensblust laß mir gelingen!

 

73

 

Aburteilen?! Halsabschneiden?! Ruchlose Schwachheit!

Erkenn und leben lassen. Ruhreiche Kraft!

Wer, was denn böse? Wer wagt zu entscheiden,

wer kalt überlegen zu richten, wer, verbrecherisch frech hinzurichten? Wer?

Er richtet sich selbst, vergiftet uns alle.

Auf Totschlagen mit „Recht“ folgt Totschleichen mit „Schlecht“.

Der Schlecht aber fasset ihr Richter nimmer,

es löset sich nur, so Ihr lasset das „Recht“, vergewaltigend Alles.

Löset sich nur, so ihr weilet in treulichem Walten, in wallender Treu, immer neu.

Ja mutvoll ruhet der Edle – er trauet - 

horcht und durchschauet die ruchlose Tat –

ehret notwendige Folge, so löst sich der Krampf –

löst sich verworrener Mut – heilet die Wut.

An ihm richten sich auf die gefallenen Kranken, dankbar erahnend:

 „Keiner entgehet des Schmerzes nötiger Ruhe,

nichts entweicht dem alles durchrichtenden Netz“.

 

74

 

Durch Todfurcht

denkt ihr Gesetzgewaltigen das Volk in Ordnung zu halten?

Oh Tohuwabohu, oh Mördermoral in Euren Gehirnen!

Todfurcht ist ja, die uns die Ordnung verwirret!

Liebmut – Ehrfurcht vor Leben ists, die uns die Ordnung erzeugt.

Ordnungskraft webet in jedem Wesen –

 Zu  d e r  traut, auf  d i e  baut!

Aber wenn ihr mit Zangen des Zwanges die Seelen in Todfurcht zerret,

schneidt ihr Euch, hütet Euch, selber ins Fleisch!

 

75

 

Warum gärt es im Volk? ---

Warum verfällt es der Gier und den Räubern?

Weil die Herren am Ruder selber zuviel stibitzen, zuviel verprassen. –

weil sie selber zu habgierig sind!

So muß es gären, ärgerlich gären, bis oben und unten zusammenfließt –

und Alles lebt und genießt.

Wollet doch leben – allso laßt leben - 

irren und streben, laßt gehen, laufen, tanzen und drehn!

Erpicht ist der Wicht, dem gelingt kein Licht.

Laßt springen, so kanns gelingen!

 

76

 

Weich und geschmeidig tritt der Mensch in das Leben ---

stark und erstarrt, vergeht er, stirbt er dahin.

Siehe die Blume, die Kräuter und alle Gewächse,

in dem schaffenden Wechsel schaffet ihr Saft, blüht ihre Kraft.

Was wär der Baum ohn die flotten, die flatternden Blätter?

Was wäre der Mensch

ohn sein immerwährend Geflut – sein flüssig fleißiges Blut?

Über all das stolze, starke Gewaffen,

sieget des Lebens liebefleissiges Schaffen!

Merkest Du wohl?

Allso beuge Dich, beug Dich, Du Starker im Reiche –

huldigt dem Leben voll wechselnd wohnender Weiche –

laß, oh laß den allzerstörenden Stolz – oder – verholz!

 

77

 

Dem Nachbar sah ich zu bei seiner Töpferscheibe –

Bewegung durch und durch –

Hier höhlt, dort füllte er; hier hub, dort drückte er nieder –

Wie wuchs aus dem ungestaltem Klump so ebenhell die Schal aus seiner Hand!

Rund ruhend lag sie da.

An Mutter Natur mußt ich denken:

in ewger Bewegung lichtend des Wirrsals Weh, lösend die Ballen,

bildend aus allen, krausen und graden die runde Welt.

In währendem Weben, gleichend Füll und Mangel, Lust und Last –

die Beiden innig zum Dritten rundend, Alles gesundend.

Und wir Menschen? ---

Wir häufen Fülle bis zum Übel, verringern Mangel bis zur Kümmernis, -

so uns und alle Teile kränkend. - - - -

Wann lassen wir den Überfluß zum Mangel fließen,

des Lebens Hochgenuß tief zu genießen?!

 

78

 

Nichts schwankt und wankt wie Wasser in der Welt –

was aber, was, ist mächtger als das Weiche?

Es hüpft hinab, hinan, es rennt und rinnt –

wer ist der harte Mann, den`s nicht gewinnt, das holde Kind?

Es wellt und wallt, wogt auf und wuchtet an –

wer ist so stark, daß er´s bestehen kann?

Das Mächtigste ist Es, das Allbewegte.

Mann weiß, mann siehts und dennoch -  keiner kann es nach ihm tun

      Es – tut – von – Selbst.

      Drum wird der Edle nicht bestehn –übt gehen im mächtigen Untergehn.

      So wird er Held, so heilt die Welt –

      die angstkrank stolztolle Menschenwelt.

 

79

 

Ein jeder Buckel muß sein Packen tragen –

und jeder braucht zur Lust seine Last. ---

Wer da vom Buckel schiebt, dem schwert es Hirn und Herze

      so oder so – die Last wird nicht geringer.

Drum schiebt auf andre Schultern keine Schuld der Wackre –

auch findt verschobne Schuld an ihm kein Halt.

Er trägt sein Teil. Mag gerne alles für die Treue tragen –

nur Trug bedrückt ihn, er läßt ihn fallen.

Was sollen – wollen?

Er lebt liebefrei.

Was Pflicht? Er pflichtet seinem Herzen bei.

So trägt er treugetrost das All mit ihm.

 

80

 

Schau da --- Ein karges Land voll reichreichen Menschen ---

Kuriose Geräte liegen da zur Mahnung an gewesene Zeiten,

verwesender Zeiten, voll Flucht und Sucht.

Nur allhier heimgekehrt, leben sie groß im großem Allmiteinander:

Wald und Hag, Hof und Haus erfüllt ihr Vergnügen.

Das Reibholz ziehen, die Sonnenuhr ziehen sie all dem Geticktacke vor –

Wieder schmeckt das Habermus

wieder und besser gefällt das derbe, in Freundschaft gewirkte Gewand –

Sonnig Behagen athmet ihre Behausung –

und voll Schönheit, Lieb und Sinn sind all ihre Sitten.

Nachbarn, nicht zu nah – einen Hahnenschrei voneinander –

frohrohes Wildland – Freiheit zwischen einander –

Allso leben in Heimlichkeit, sterben in Himmelsruh

alltraut, treuliche Menschen.

 

Tao: Das heilende Geheimnis.
Ein in den Wehen der Zeit wiedergeboren Menschheit-Buch
zur grossen Heimkehr - Genesung - unsrer Welt.
Herausgegeben von Hermann Urspring.
Verlag Büchse der Pandora, Wetzlar 1979
ISBN 3-88178-032-7

 


Gustav Arthur Gräser

(*1879, V1958) Im Alter von 17 Jahren bricht der in Wien studierende Kunstschüler alle familiären und gesellschaftlichen Brücken hinter sich ab und begibt sich auf Wanderschaft quer durch Europa. Er lebt von vor Ort gehaltenen Vorträgen und dem Verkauf selbst gedruckter Gedichte auf der Straße. Mit 21 Jahren gründet er mit Freunden die Landkommune Monte Verità bei Ascona, die Pazifisten, Anarchisten, Theosophen und Lebensreformer anzieht (darunter auch kurzfristig Hermann Hesse). Ab 1910 zieht Gräser mit Weib und vielköpfiger Kinderschar im selbstgebauten Wohnwagen durch die deutschen Lande, oft angefeindet, verhaftet und von der Obrigkeit des Landes verwiesen. Für seine Kriegsdienstverweigerung entgeht er 1915 nur knapp der Exekution. Die Schweiz weist ihn 1919 als unbequemen Freigeist aus. Vor der Deportation aus dem Deutschen Reich schützt ihn 1926 nur das engagierte Eingreifen von Thomas Mann. Von der Nazi-Regierung mit Schreibverbot belegt und geächtet, verbringt Gräser die Zeit des III. Reichs zuletzt versteckt und notdürftig in Dachmansarden Münchener Professoren. Keines seiner Werke wird je zu Lebzeiten gedruckt. Das Haupt- und Spätwerk entsteht in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg. Bis zuletzt lebt Gräser besitzlos, trägt in Dichtergesprächen seine Werke auf der Straße vor und verteilt seine Schriften als Flugblätter in den Parks von München.

 

 

Wenn man ihn nach seinem Leben fragte, wich er aus. 'An meinem Leben ist nichts wichtig; der alte Icke ist lange tot.' Dieser Mann, der das abenteuerlichste und mutigste Leben geführt hat, das man sich denken kann, das Leben eines freien Mannes, der sich nie in Knechtschaft begeben hat, der stolz darauf war, nie um Geld gearbeitet zu haben, dieser Mann hat in all seinen Schriften, auf Tausenden Blättern, so gut wie nichts über sein Leben verlauten lassen. ... Unter dem Druck härtester Not entstand in den Nachkriegsjahren Gräsers Alterswerk, in dem seine TAO-Erkenntnis und TAO-Verwandlung erst ihre letzte, reifste und blühendste Entfaltung erreicht ... Der Wanderer im selbstgenähten, buntfarbig bestickten Gewand, mit wallendem Haar und Bart, das Netz mit Früchten über der Schulter, die Sandalen an den nackten Füßen - er blieb ein Fremder in seinem Heimatland und er schien ein Gescheiterter. Es dauerte nicht mehr als zehn-zwanzig Jahre nach seinem Tod - da zogen Tausende, Zehntausende durchs Land, gekleidet wie er, heiter wie er, rebellisch wie er, naturfromm wie er. Und wieder lesen sie Laotse, lesen Buddha und Heraklit, lesen Thoreau, seinen Liebling - und lesen nun auch ihn, Gräser, lesen sein Tao-Buch ... Gräsers Tao-Buch - das ist fast ein Laotse inkognito."
                                                           (Aus dem Nachwort von Hermann Urspring)